Neue Heimat verplichtet

Von Dana Toschner

Als im Gutshaus im vergangenen Sommer wieder Leben einzog, waren die Mahndorfer überrascht. Ein paar Jahre lang war es ruhig geworden um das Schmuckstück des Dorfes. Die alten Besitzer, die hier unter anderem Hühner hielten, Gemüse und Getreide anbauten und einen eigenen Bioladen auf dem Hof betrieben, waren 2006 aus dem Gut ausgezogen. Das Gutshaus, die Parkanlagen und die Nebengebäude fristeten seitdem ein tristes Dasein.
„Mein Bruder Konstantin, der hier mit seiner Frau Isa von 1994 bis 2006 gelebt hatte, erbte nach dem Tod meines Vaters das Rittergut Dorstadt bei Wolfenbüttel, unseren Familienstammsitz. Er versuchte, sich nebenbei um Mahndorf zu kümmern, aber schaffte es schließlich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr“, erzählt Nicolaus von Löbbecke. Als klar war, dass sein Bruder Gut Mahndorf verkaufen müsste, überlegte Nicolaus von Löbbecke nicht lange. >>> „Ich wollte nicht, dass es in fremde Hände fällt. Mir war es wichtig, dass unsere Familientradition hier fortgeführt wird“, sagt er. „Meine Vorfahren haben das Gut 1833 gebaut, und mein Bruder hat schon sehr viel Geld in den Erhalt investiert. Als er es übernommen hatte, sah es wirklich furchtbar aus.“

Im August 2012 kaufte er das Gut Mahndorf von seinem Bruder. Die erste Idee der Familie war, das Anwesen aus der Ferne zu managen und nur hin und wieder nach Sachsen-Anhalt zu fahren – die Familie lebte damals in der beschaulichen Kleinstadt Straelen am Niederrhein. Doch schnell stellte sich heraus, dass die Pendelei viel Zeit und Nerven raubte, auf Dauer also keine Lösung war. Die von Löbbeckes standen mit ihren drei Söhnen Ferdinand, Benedikt und Leopold vor einer großen Entscheidung: Sollten sie in Straelen alle Zelte abbrechen und in Sachsen-Anhalt einen Neustart wagen?

„Letztlich war es unser ältester Sohn, Ferdinand, der sagte: Entweder jetzt oder gar nicht. Er wollte vermeiden, in den letzten Jahren vorm Abitur die Schule wechseln zu müssen“, erzählt Yvonne von Löbbecke. Für sie und ihren Mann war im Sommer 2014 der richtige Zeitpunkt gekommen. „Ich war mit unserem vierten Kind schwanger, hatte mein Engagement in der Kommunalpolitik an den Nagel gehängt und mein Mann wollte sich beruflich neu orientieren. Wir hatten Lust auf einen Neuanfang“, sagt sie. Ihr Mann Nicolaus ergänzt: „Wir spürten in allen Lebensbereichen, dass Veränderungen anstehen.“

Die Söhne hielten die Idee vom Umzug erstmal für einen Scherz. „Es war hart, die Freunde dort zu lassen“, sind sich die drei einig. „Am Anfang hat es sich in Mahndorf angefühlt, als wäre es nur Urlaub. Wir waren ja schon öfter in den Ferien mal hier“, erzählt der 14-jährige Benedikt. „Aber als das Schuljahr losging, wurde uns klar, das ist jetzt echt ernst und für immer.“

Die beiden älteren Jungen gehen aufs Martineum, der jüngste in die Ströbecker Grundschule. Sie haben sich gut eingelebt, gehen zum Sport, haben neue Freunde gefunden. Aber ein bisschen Heimweh nach dem alten Zuhause ist geblieben. Das geht den Eltern nicht anders. „Die Mentalität ist eine andere als im Rheinland. Die Menschen warten erstmal ab, sind eher zurückhaltend. Am Niederrhein waren alle sofort per du“, erzählt Yvonne von Löbbecke. „Als wir dorthin gezogen sind, hatten wir ganz schnell einen riesigen neuen Freundeskreis. Ich habe das Gefühl, hier muss man den Leuten mehr Zeit geben. Sie öffnen sich nicht gleich.“

Wer hier in der Gegend ein „von“ im Namen trägt, wird eben erstmal lieber aus der Distanz beäugt. Von Nahem betrachtet, sind die von Löbbeckes aufgeschlossene und gastfreundliche Leute, zeigt ein Blick „hinter die Kulissen“. Im Esszimmer der Familie, in dem früher hin und wieder kleine Konzerte veranstaltet wurden, liegt ein Sack mit Golfschlägern auf dem Boden. Typisch adelig, denkt der Besucher schmunzelnd. Dann aber fällt der Blick auf die Ikea-Küche. Aha, die Gutsbesitzer haben eine Vorliebe für Selbstbau-Möbel aus Schweden. Sympathisch. An der Wand steht ein Gerüst, auf dem die Hausherrin Pinsel und Farben deponiert hat. Das verblüfft: Yvonne von Löbbecke zieht sich in jeder freien Minute die Arbeitssachen über und werkelt selbst. Sie streicht Wände, lackiert Türen und Möbel. Gerade arbeitet sie die alte Deckenmalerei auf. „Ich bin da als Restauratorin natürlich ganz in meinem Element“, schwärmt sie, während sie das jüngste Familienmitglied, die zehn Monate alte Amelie, auf dem Arm umher trägt.

Yvonne von Löbbecke ist in Coburg geboren und hat in Potsdam Restaurierung in der Denkmalpflege studiert. Früher hat sie Auftragsarbeiten in Kirchen und Schlössern übernommen, heute ist sie in eigener Sache im Einsatz. Eine Mammutaufgabe. Denn neben dem eigentlichen Gutshaus, unter dessen Dach die von Löbbeckes leben und außerdem zwei Mietwohnungen untergebracht sind, gehören mehrere Nebengebäude zum Familienbesitz – Stallungen, eine ehemalige Reithalle, die alte Mühle, der Speicher, der einstige Hofladen … Es mangelt nicht an Arbeit.

Alle Gebäude zu erhalten und für jene, die leer stehen, eine Nutzung zu finden, das ist der Traum der von Löbbeckes. Ein Hofcafé, ein Landhotel, Künstlerateliers oder Unterstellplätze für Wohnmobile? Vielleicht fände sich ein Investor für Betreutes Wohnen? Immer wieder geistern neue Ideen durch ihre Köpfe. Doch was kann auf Dauer funktionieren?
„Als wir hierher kamen, haben wir als allererstes die Wohnungen im Verwaltergebäude saniert. Von den sechs Wohnungen sind inzwischen vier vermietet. Die Leute mögen das Wohnen auf dem Land“, erzählt die Hausherrin. „Wir haben alte Akzente wie Türen und Dielen erhalten, den Rest aber ganz modern ausgestattet.“

Während ihr Mann beruflich oft unterwegs ist, hält sie die Fäden vor Ort in der Hand, beaufsichtigt die Handwerker und schaut, wie der Tischler, den die von Löbbeckes angestellt haben, vorankommt. „Vieles ist noch unfertig. Aber ich kann mit dem Unfertigen, Unperfekten gut leben“, sagt sie. „Manche Sachen müssen einfach reifen.“
Wenn sie Zeit hat, tüftelt sie gemeinsam mit dem Tischler an einer ihrer Zukunftsideen. „Ich habe Waschtische, Schreibtische und Nachtkästchen entworfen, der Tischler baut und ich lackiere sie. Die Prototypen sind gerade entstanden, nun wollen wir tiefer in die Möbeltischlerei einsteigen.“

Ihr Mann Nicolaus ist Betriebswirt und hat viele Jahre in der Bio-Branche gearbeitet. Jetzt arbeitet er als selbständiger Unternehmensberater. „Mein Mann hat sich unheimlich verliebt in dieses Mahndorf. Bei mir hat es länger gedauert“, gesteht Yvonne von Löbbecke. Sie ist eifrig dabei, die neue Heimat zu entdecken und Kontakte zu knüpfen. „Ich sauge alles auf und bin überrascht, wie viel Halberstadt kulturell bietet.“ Ihren Gäste zeigt die Familie den Harz und seine Schätze. „Jeder, der uns besucht, ist begeistert. Wir machen gern Werbung für die Region“, sagt Nicolaus von Löbbecke.
Er rührt im Eiscafé und schaut vom Gartentisch über die frisch gemähte Wiese zufrieden auf den Teich. Es sieht märchenhaft aus, wie ein Hochglanzfoto aus der „Landlust“. Wenn er in Tagträumen versinkt, malt sich der 48-Jährige Mahndorf als modernes, autarkes Ökodorf aus, mit biologischer Landwirtschaft und regenerativer Energieversorgung. Ihr Gut ist ein Ort, der zum Träumen verlockt. Wohin die Reise aber tatsächlich geht, ist noch nicht abzusehen. „Wir lassen uns treiben und bleiben offen für jede Idee“, sind sich die neuen Gutsbesitzer einig.

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